Referendum zur Olympiabewerbung – Eine Analyse der Kampagnen

Hamburg hat zur Zeit nur ein Thema: Das gescheiterte Olympia-Referendum, gescheitert aus Sicht der Befürworter, die, wenn man die Aussagen im Fernsehen, in den Zeitung und auf Twitter verfolgt, fassungslos sind und sich nicht erklären können, wie das passieren konnte. Wie also konnte die große Kampagne der Befürworter, die mehrere Millionen Euro gekostet hat, nicht zum gewünschten Ergebnis führen. Ich habe die Kampagnen für und gegen Olympia verfolgt und mich auch intensiv mit der medialen Berichterstattung vor dem Referendum beschäftigt. So unerklärlich ist das Ergebnis allerdings nicht. Terrorangst und Flüchtlingskrise, von vielen angeführt als Ursachen, waren jedenfalls meines Erachtens nicht verantwortlich. Was zum Scheitern führte, waren politische Fehler aber vor allem auch kommunikative Fehler:

Eine Marketing-Kampagne der schönen Bilder und Emotionen reicht nicht
Die Kampagne der Befürworter war vor allem geprägt von schönen Bildern und Emotionen. Die Stadien und das olympische Dorf wurden in strahlenden Farben auf den Kleinen Grasbrook gemalt. Politiker zeigten sich mit begeisterten Spitzensportlern. Die Brüder Braun vom Miniaturwunderland organisierten Fackeln an der Alster (die bei einigen ungute Erinnerungen an die 30er Jahre weckten) und olympische Ringe im Stadtpark. Die Stadt war gepflastert mit Plakaten, die die Idee von Olympia mit großen Versprechen verkauften – von besseren Radwegen bis hin zu internationalem Ruhm oder der generellen Aussage, dass Olympia ein Gewinn für alle ist.
Was bei der ganzen Kampagne konstant fehlte war ein Eingehen auf die Bedenken der Menschen und die Argumente der Gegner. Weder beim Thema Kosten noch beim Thema Stadtentwicklung wurde die Kampagne der Befürworter konkret. So blieben beim Bürger vor allem die Worthülsen und großen Versprechen hängen.

 

Olympia als Stadtentwicklung oder wie man ein Thema verpennt
Das Argument die Olympischen Spiele wären eine einmalige Chance für die Stadtentwicklung wurde immer wieder gebracht, aber nie wirklich unterfüttert. Klar würde auf dem Kleinen Grasbrook ein neuer Stadtteil entstehen, aber ist das schon Stadtentwicklung? Und wie wird dieser Stadtteil nach Olympia aussehen? Wer wird sich das Wohnen dort leisten können? Auf diese Fragen gab es von Seiten der Befürworter keine konkreten Antworten, sondern nur die schönen Animationen. Die Gegner konnten deshalb hier eines der wichtigsten Themen der Stadt für sich nutzen – der Mangel an bezahlbaren Wohnraum. Das Thema bewegt die Hamburgerinnen und Hamburger schon lange und ist eigentlich auch längst in der Politik angekommen. Wie der Senat und die anderen Befürworter es verpassen konnten, den Sorgen und Ängsten der Bürger, durch Olympia würden die Mieten nochmals deutlich steigen, etwas entgegen zu setzen, ist mir ein Rätsel. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass man dem tatsächlich nichts entgegensetzen kann, denn andere Austragungsorte zeigen sehr deutlich, dass die Stadtteile, die durch olympische Spiele entwickelt werden, tatsächlich gentrifiziert werden. Wer sich das ansehen will, der muss nur den Blick nach London werfen.

 
Geld, Geld, Geld – Die Hamburger als kühle Kaufleute
Auch beim Thema Finanzen haben die Befürworter sich selber ins Aus manövriert. Als Ende August der Rechnungshof erstmals vor dem Kostenrisiken warnte, da war der Senat in erster Linie brüskiert und verwies nur auf die noch laufenden Berechnungen. Als die Finanzkalkulation dann im Oktober präsentiert wurde, da blieben viele Fragen offen: der Zuschuss vom Bund unbestätigt (bis zum Schluss), die Kosten für die Umsiedlung der Hafenbetrieben stark abweichend von den vorher von der Hafenwirtschaft geschätzten Zahlen, die Kosten für die Sicherheit weit unter denen von London. Konkrete Antworten auf diese Fragen gab es kaum. Stattdessen wurde das Mantra von den am besten kalkulierten olympischen Spielen wiederholt und wiederholt und wiederholt. Die Befürworter haben wohl gehofft, dass das ausreicht und dabei eine grundlegende Eigenschaft der Hamburger und Hamburgerinnen verkannt. Zwar sind nicht alle Kaufleute, aber man will schon wissen, was das alles kosten wird. Und viele fühlten sich bei der Präsentation der Kosten sicherlich an die Elbphilharmonie erinnert. Wie damals so auch jetzt wurden den Kosten Einnahmen entgegen gestellt, die unter anderen durch Public-Private-Partnership zustande kommen sollten. Angesichts der Erfahrungen gerade mit der Elbphilharmonie hätte der Senat das Thema Kosten und die Bedenken ernster nehmen müsste. Die Tatsache, dass sich in der Woche vor dem Referendum das Bundesinnenministerium meldete und mitteilte, dass noch nicht alle Informationen vorliegen, um die Finanzplanung der Hansestadt abschließend prüfen zu können, war mit Sicherheit auch nicht hilfreich für die Glaubwürdigkeit der Finanzplanung.

 

Olympia ja, IOC nein
Der FIFA-Skandal brachte auch noch einen anderen Aspekt auf die Tagesordnung – Korruption. So ist die Ablehnung dieser Olympiabewerbung längst nicht bei allen Gegnern eine Ablehnung der olympischen Idee, sehr wohl aber ein Ablehnung des IOC. Man traut den Sportfunktionären nicht. Ein Blick in die Grundsätze des Host-City-Vertrages (auf Deutsch, im Orginal) reicht, um dieses Misstrauen zu bestätigen: Sondersteuerregeln, damit das IOC die Gewinne steuerfrei mitnehmen kann, während alle Risiken bei der Austragungsstadt bleiben. Auch die Frage, ob Hamburg die olympischen Spiele überhaupt ohne Schmiergeldzahlungen bekommen könnte, hat vielleicht den einen oder anderen bewegt.

 

Pro-Olympia auf allen Kanälen
Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass die massive positive Berichterstattung zum Scheitern der Kampagne beigetragen hat, aber das nur auf dem ersten Blick. Wer in Hamburg lebt, der kann sich über unterschiedliche Medien über die Ereignisse in der Stadt informieren, ganz vorne weg stehen das Abendblatt und der NDR. Beide haben so positiv über Olympia berichtet, dass man schon fast an mediale Gleichschaltung denken konnte. Kritiker kamen nur am Rande vor und wie schon bei der Marketingkampagne überwogen die schönen Bilder und die Emotionen. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Menschen ihr Abo beim Abendblatt aufgrund dieser einseitigen Berichterstattung gekündigt haben. Ich jedenfalls kenne einige, die darüber nachdenken. Wie sehr diese Einseitigkeit den Bürgern auffiel zeigen auch viele Kommentare unter Olympia-Berichten auf der Webseite des NDR. Wer also kritische und sachliche Informationen zu Hamburgs Olympiabewerbung suchte, der wurde in den traditionellen Medien nicht fündig (und im Übrigen auch nur begrenzt auf den verschiedenen Seiten der Befürworter, z.B. hier oder hier). Wer sich weiter im Internet umschaute, der fand vor allem bei den Kritikern ausführliche Information, z.B. zu den Problemen des Host-City-Vertrages, eine Studie der University of Oxford zur Kostensteigerung bei olympischen Spielen  oder auch die ausführliche Stellungnahme Hamburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Anders als bei den Befürwortern haben die Gegner auf zahlreiche Quellen verwiesen und es so dem Leser ermöglicht sich ein Bild zu machen. Wer also unentschlossen war und nach Informationen suchte, der wurde nur bei den Gegnern wirklich fündig. Medien und Befürworter haben ihre Chance verpasst, mit konkreten Informationen zu punkten und vor allem auf die Argumente der Gegner einzugehen.

 

Mobilisierung – Wer geht zum Referendum
Es war am Ende ein knappes Ergebnis und wie immer bei knappen Ergebnissen muss man auch einen Blick auf die Mobilisierung werfen. Alle Umfragen vorab zeigten, dass die Olympiabefürworter die Nase vorn hatten, wenn auch mit sinkender Tendenz. Letzeres hat sicherlich noch mal den Gegnern Auftrieb gegeben, weil es die Chance auf einen Sieg zeigte. Schaut man genauer hin, in welchen Stadtteilen die Menschen am Referendum teilgenommen haben und wie sie abgestimmt haben (am Sonntag, für die Briefwahl gibt es leider keine Aufteilung dieser Art), dann wird eines schnell deutlich. Die betroffenen Stadtteile in Hamburg Mitte haben (mit Ausnahme der Hafen-City) zum Teil überdeutlich mit Nein gestimmt – Veddel und Grasbrook z.B. über 70 %, Neustadt über 60 %, im Bezirk Hamburg-Mitte insgesamt 56,4 % Nein-Stimmen. Besonders interessant sind diese Ergebnisse, wenn man sie mit dem Volksentscheid zur Schulreform von 2010 vergleicht. Dabei sind weniger die Abstimmungsergebnisse als vielmehr die Beteiligung relevant. Beim Thema Schulreform lag die Beteiligung im Bezirk Mitte nur bei 29 %, beim Olympia-Referendum bei 41,1 %. Hier fand eine Mobilisierung statt, die vielleicht den Ausschlag gegeben hat, denn letztendlich trennen Ja und Nein nur ca. 21.000 Stimmen.

 

Fazit
Die Befürworter setzten auf Emotionen, die Gegner auf Informationen.  Das war am Ende meines Erachtens nach ausschlaggebend. Hätten die Befürworter siegen können, wenn sie genauer auf die Argumente der Gegner eingegangen wären? Ich denke schon. Es war eine knappe Entscheidung und eine bessere Argumentation und verstärkte Mobilisierung hätten vielleicht den Sieg für Pro-Olympia bringen können. Schaut man sich jetzt jedoch die medialen Analysen an, denn wird vor allem das Mittel des Referendums in Frage gestellt (was doch ein sehr seltsames Verständnis von Demokratie vor allem bei einigen Sportfunktionären offenbart) und von einer Katastrophe für Sport und Stadtentwicklung gesprochen. Eine echte Analyse der eigenen Fehler sehe ich bisher nicht, aber es ist von Seiten der Befürworter vielleicht auch einfacher, Terrorangst und Flüchtlingskrise als Ursachen anzuführen, statt sich mit den eigenen Fehlern in der Kampagne und in den politischen Abläufen zu beschäftigen.

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